Beschreibung
Radsport
Triumph dank eines geliehenen Fahrrads, Silber für einen Bauarbeiter, der nebenbei für Olympia trainierte, keine Bronzemedaillenvergabe und ein “unbekannter Niederländer”, der beim Straßenrennen zeitweise vorne mitfuhr, obwohl er gar nicht startberechtigt war. Auch bei den Radsportwettkämpfen gab es viel Außergewöhnliches und Ereignisreiches.
Insgesamt nahmen an den Wettkämpfen 359 Athleten aus 54 Ländern teil. Frauen waren nicht teilnahmeberechtigt.
Die Wettbewerbe fanden vom 29. August bis zum 7. September statt. Austragungsort für die Wettkämpfe im Bahnradsport war das Münchner Olympia-Radstadion, das Straßenrennen fand auf dem Grünwalder Rundkurs statt, das Mannschaftszeitfahren wurde auf der Bundesautobahn A95 ausgetragen.
Es gab 7 Wettbewerbe, davon 5 im Bahn- und 2 im Straßenradsport. Begonnen wurde mit dem Mannschaftszeitfahren über 100 km im Straßenradsport, gefolgt von den Bahnradsportwettbewerben 1000 Meter Zeitfahren und 4000 Meter Einerverfolgung, danach folgten Sprint und die 4000 Meter Mannschaftsverfolgung. Anschließend folgte noch das 2000 Meter Tandemrennen, das aufgrund mangelnder Popularität als letztes Rennen in der Halle ausgetragen wurde. Zum krönenden Abschluss folgte noch das Straßenrennen über 182,4 km.
Außergewöhnlich während der Wettkämpfe war der Gold-Vierer der Bundesrepublik Deutschland (auch Kilian-Vierer genannt, nach dem legendären Trainer Gustav Kilian, der in den 1960er und 1970er-Jahren einen hohen Anteil an den großen Erfolgen hatte).
Bereits seit den 1960er-Jahren in unterschiedlichen Besetzungen äußerst erfolgreich, eroberten sie in einem packenden Finale in der 4000 Meter Mannschaftsverfolgung souverän die Goldmedaille gegen die (damalige) DDR.
Im Straßenrennen gewann der Niederländer Hennie Kuiper deutlich mit einer grandiosen Durchschnittsgeschwindigkeit von 42,98 km/h.
Im Medaillenspiegel war die Sowjetunion mit zwei Gold- und einer Bronzemedaille vor der Bundesrepublik Deutschland mit einer Gold- und einer Bronzemedaille.
Doping gab es auch bei diesen Wettbewerben. Der drittplatzierte Spanier Jamie Huélamo wurde nach dem Rennen positiv auf eine verbotene Substanz getestet. Brisant an der Geschichte war, dass das Mittel zwar in der Liste der verbotenen Substanzen des IOC geführt wurde, nicht aber auf der Liste des Weltradsportverbands UCI stand, was anschließend scharf kritisiert wurde. Aber es ging noch ungewöhnlich weiter. Heute würde automatisch der Viertplatzierte auf das Siegertreppchen nachrücken. Aber nicht 1972. Damals wurden nur die ersten drei Fahrer und drei weitere, zufällig ausgewählte Fahrer zur Dopingkontrolle bestimmt. Insgesamt wurden bei allen Rennen von den 359 Fahrern nur 93 getestet. Der damals viertplatzierte Neuseeländer Bruce Biddle war aber nicht dabei, sodass es von ihm keine Dopingkontrolle gab. In der Pressemitteilung des Internationalen Olympischen Komitees von damals hieß es, es werde keine Bronzemedaille vergeben, wenn kein negativer Dopingtest vorhanden ist. So blieb ihm die Bronzemedaille verwehrt.
Das gleiche Schicksal ereilte auch Belgien im Mannschaftszeitfahren. Durch den positiven Dopingtest der niederländischen Radrennsportler wäre ihnen normalerweise die Bronzemedaille zugesprochen worden. Da aber auch sie zuvor nicht unter den zufällig ausgelosten Teilnehmern zur Dopingprobe waren, wurde ihnen ebenfalls die Bronzemedaille verwehrt.
Wesentlich positiver lief es für den Australier Clyde Sefton. Nicht nur, dass er die lange Durststrecke der Australier nach Medaillen im Radsport nach 40 Jahren endlich beenden konnte, er war wohl auch einer der wenigen Athleten, die nebenbei Vollzeit arbeiten gingen. Und das auf dem Bau. Während die anderen Sportler sich voll auf ihre Trainingseinheiten und Wettkämpfe vorbereiten konnten, hatte Sefton nur vor und nach der Arbeitszeit die Gelegenheit zu trainieren. Auch während seiner Mittagspause, während seine Kollegen neue Kräfte sammelten, schwang er sich aufs Rad. Und seinen freien Nachmittag nutzte er ebenfalls zum trainieren.
So ist seine Leistung nur noch höher zu bewerten, die schließlich mit der Silbermedaille beim Straßenrennen belohnt wurde.
Noch besser lief es für den Niederländer Knut Knudsen bei der 4000 Meter Verfolgung. Er gewann Gold – und das auf einem geliehenen Fahrrad der dänischen Mannschaft, die ihm damit, ohne es zu wollen, zum Sieg verhalf.
Richtig skurril wurde es beim Straßenrennen, als plötzlich ein “unbekannter Niederländer” die Spitzengruppe anführte. Von den TV-Kommentatoren wegen der Ähnlichkeit des Trikots der niederländischen Mannschaft so genannt, entpuppte sich der Unbekannte schließlich als der junge irische Radrennsportler Batty Flynn, der einer Gruppe von jungen Iren angehörte, die sich für einen gesamtirischen Radsportverband und für ein vereintes Irland einsetzten. Neben seinen sieben Landsleuten, von denen vier bereits vor dem Rennen aus dem Verkehr gezogen wurden, schaffte er und drei weitere, unberechtigt an den Start zu gehen und am Rennen teilzunehmen. Batty Flynn gelang sogar das Kunststück, zeitweise in Führung zu gehen.
Hintergrund dieses besonderen Ereignisses war ein langjähriger Konflikt zwischen den zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordiren und dem unabhängigen Irland und deren unterschiedlichen Radsportverbänden.
Es blieb allerdings nicht bei dieser zwar kuriosen, aber doch bis dahin eher harmlosen Geschichte. Denn ein Fahrer des irischen Radsportverbands (NCA) Jacko Mangan bedrängte während des Rennens Noel Taggart, der offiziell die irische Republik vertrat und hinderte ihn am weiterfahren. Die NCA war damals die größte Organisation, wurde jedoch nicht vom Weltradsportverband anerkannt, da sie ein geeintes sportliches Irland forderte. Nach einem zweiminütigen Gerangel, bei dem Mangan den Lenker von Taggart fest umschlossen hielt, nahm er ihm damit alle Chancen auf einen Sieg. Jacko Mangan wurde daraufhin zwar von der Polizei von der Strecke entfernt, dies brachte Taggart jedoch wenig, da das Teilnehmerfeld längst weitergezogen war. Umso frustrierender noch, weil da bereits feststand, dass dies Taggarts letztes Rennen sein würde und er danach seine Karriere beenden wird.
Zumindest Taggarts Kollegen aus der irischen Nationalmannschaft konnten ihre Rennen ohne Zwischenfälle beenden.
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