Beschreibung
Kanuslalom
Die ostdeutschen Sportlerinnen und Sportler dominierten die Wettbewerbe auf imposante Art – dank Spionage. Sie bauten kurzerhand eine Kopie des Augsburger Eiskanals nach. Diese ungewöhnliche Geschichte erzählt viel über Sport und Politik der damaligen Zeit.
Erstmals gab es bei den Olympischen Spielen die Disziplin Kanuslalom. Zwar war bei den Männern bereits seit 1936 der Kanusport olympisch (bei den Frauen seit 1948), jedoch nur im Kanurennsport. Teil nahmen 330 Athletinnen und Athleten (274 Männer und 56 Frauen) aus 30 Nationen. Die Wettbewerbe fanden vom 28. bis zum 30. August im Eiskanal in Augsburg statt. Es gab vier Wettbewerbe, davon drei für Männer und eine für Frauen. Im Kajak-Einer starteten sowohl Männer als auch Frauen, im Canadier-Einer und im Canadier-Zweier nur Männer.
Dominiert wurden die Wettkämpfe von den Athletinnen und Athleten aus der (ehemaligen) DDR. Sie holten insgesamt 4x Gold und 1x Bronze, während die Vertreter und Vertreterinnen aus der Bundesrepublik “nur” 3x Silber und 1x Bronze holten. Insgesamt holten die Deutschen aus Ost und West bei den Männern 6 von 8 möglichen Medaillen, bei den Frauen belegten sie die ersten drei Plätze.
Bereits 1966 vorgeschlagen, wurde es 1970 vom Internationalen Olympischen Komitee ins olympische Programm aufgenommen. Hierfür wurde eine extra dafür künstlich errichtete Wettkampfstrecke am Lech in Augsburg errichtet. Damit begann eine neue Ära im Wildwassersport, denn von nun an war man unabhängig gegenüber den Unberechenbarkeiten eines natürlichen Wasserlaufs (unterschiedliche Wasserpegel, natürliche Strömungsschwankungen, Unwägbarkeiten des Geländes).
Die (ehemalige) DDR-Sportführung sah darin einen klaren Vorteil für die bundesdeutschen Kanuten, die dadurch bessere Trainingsbedingungen erhielten. Aus Angst vor einem weiteren schlechten Abschneiden wie zuvor bei der Kanuslalomweltmeisterschaft in Italien, wurde eine verkürzte Version der Olympiastrecke an der Zwickauer Mulde nachgebaut, die exakt den Vorgaben des “Augsburger Eiskanals” entsprach. Sie hatte nur etwa ein Drittel der 660 Meter langen Originalstrecke. Um an die notwendigen Pläne für die Anlage in Augsburg zu kommen, ging der damalige DDR-Nationaltrainer Werner Lempert beim deutsch-deutschen Konkurrenten spionieren. Aber der hohe Aufwand machte sich für die DDR-Führung bezahlt. Die Kanuten der DDR beherrschten die olympischen Wettkämpfe und gewann alle 4 Goldmedaillen. Dies wiederum löste Gerüchte aus, es gäbe Sonderanfertigungen der DDR-Boote, was sich jedoch nicht beweisen ließ.
Offiziell wurde die Zwickauer Anlage nie von der DDR-Führung bestätigt. Erst nach der Wiedervereinigung fand man die Überreste der bereits stark verwitterten Anlage.
Kanuslalom wurde nach den Olympischen Spielen in München von der Liste der olympischen Sportarten gestrichen und erst 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona wieder aufgenommen. Seitdem ist er wieder fester Bestandteil des olympischen Programms.
Medaillenspiegel Männer
Einer-Kajak
Gold: Siegbert Horn DDR
Silber: Norbert Sattler Österreich
Bronze: Harald Gimpel DDR
Einer-Canadier
Gold: Reinhard Eiben DDR
Silber: Reinhold Kauder Bundesrepublik Deutschland
Bronze: James McEwan USA
Zweier-Canadier
Gold: Walter Hofmann DDR
Rolf-Dieter Amend
Silber: Hans-Otto Schumacher Bundesrepublik Deutschland
Wilhelm Baues
Bronze: Jean-Louis Olry Frankreich
Jean-Claude Olry
Medaillenspiegel Frauen
Einer Kajak
Gold: Angelika Bahmann DDR
Silber: Gisela Grothaus Bundesrepublik Deutschland
Bronze: Magdalena Wunderlich Bundesrepublik Deutschland
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